Von:
Tineke Jarecki

e-anthroposophie.de

Nicht viel verband ich mit Anthroposophie: Dass die Wandflächen in Waldorfschulen in Pastelltönen getupft sind, und die Wände nicht unbedingt rechtwinklig. Und dann gab es diese alternative Hautpflegeserie mit dem Schriftzug in der typischen Schriftart. Eine Freundin hatte eine Waldorfschule besucht. Bei ihr standen auf dem Stundenplan ganz bewundernswerte Dinge: Filzen, Buchbinden, aber auch „Eurythmie“, eine Art Bewegungssport. Das war es auch schon mit meinem Wissen über „Anthroposophie“, als ich nach meinem Abitur für ein Jahr nach England in eine anthroposophische Dorfgemeinschaft zog.

„Weisheit vom Menschen“ könnte man die spirituelle Weltanschauung übersetzen. Weisheiten dieses einen verehrten, vom Weltengeist der Jahrhundertwende beseelten Begründers Rudolf Steiner. Und in meiner „Camphill-Community“ gab es auch einige dieser Anthro-Dogmatiker: „Du sollst mit den Kindern kein Fußball spielen: Sie denken beim Ball an Köpfe und lernen so, Menschen zu treten.“

Andererseits habe ich manche „Auswirkungen“ dieser esoterischen Weisheiten zu schätzen gelernt. Etwa den festen Tages- und Wochenablauf, der Sicherheit und Orientierung gibt. Oder die starke Orientierung am Jahreslauf und den Festen. Die „Geheimwissenschaften“ forderten auch merkwürdige Rituale: So sollte der Kompost eigentlich eines besonderen Nachts eine besondere Behandlung durch besondere Essenzen aus einem Kuhhorn erfahren, für die Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Die Weltanschauung der Anthroposophie sehe ich nicht als gefährlich oder dumm an, sondern als Herausforderung für uns Christen: In vielen Lebensbereichen bietet sie alternative Formen der Lebensgestaltung: Der „biodynamische Landbau“ bedenkt den Kreislauf der Natur und gibt dem Boden auf natürliche Weise die Nährstoffe zurück, die ihm entzogen wurden. Ähnliches könnte ich auch schöpfungstheologisch vertreten.

Wirtschaftlich gehen die Camphill-Communities in England Wege, die keine Gehälter, sondern Versorgung nach Bedarf kennen. Am Bodensee sind es Waldorfschüler, die eine Regionalwährung ins Leben gerufen haben: Ein Experiment, das der globalisierten Wirtschaft lokale Bezüge entgegensetzt.

Manchmal wünsche ich mir, aus Jesu Taten und Worten in der Bibel wären für uns leichter die konkreten Handlungsimpulse verstehbar, dass die christliche Weltsicht sich stärker in der sichtbaren Kirche ausdrückt. Andererseits schätze ich die Vielfalt der Christen: Sie finden sich nicht nur in einer gesellschaftlichen Schicht, nicht nur in einer alternativen Szene. Und ich weiß, dass die sichtbare Kirche sich immer von der unsichtbaren unterscheiden wird.